Gustave Courbet (1819-1877): Maler, politischer Mensch, Europäer

Gustave Courbet im Gefängnis, Zeichnung von Armand Gautier, 16. August 1871

Im August 2026 schrieb ich an das Leopold Museum in Wien ( https://www.leopoldmuseum.org/de ) zur Courbet-Ausstellung, die dort wesentlich erarbeitet worden war:

Gestern besuchte ich im Folkwang-Museum in Essen die großartige Courbet-Ausstellung. Besonders bedanken möchte ich mich für den Ausstellungskatalog mit seinen qualitätvollen Abbildungen (https://www.buchhandlung-walther-koenig.de/koenig2/index.php?mode=details&showcase=1&art=1687967).

Einen Aspekt vermisste ich jedoch in der Ausstellung, und ich habe ihn auch im Katalog nicht wirklich berücksichtigt gefunden. Der Fall der Vendôme-Säule als zentraler Gelenk-Punkt im Leben Courbets wird aus meiner Sicht nur vordergündig dargestellt, Courbets Motivation wird nicht klar benannt.

Hans-Peter Wipplinger hat ja recht, wenn er schreibt, der Sturz sei „ein symbolträchtiger Akt“ gewesen (Katalog S. 22). Symbol wofür? Dass in den Augen Courbets und seiner Freunde die Säule einen Herrscher und sein Tun feiert, der Europas Völker unentwegt mit Kriegen überzogen und den entsprechenden gigantischen Blutzoll zu verantworten hat, kommt nach meinem Eindruck nicht angemessen zur Geltung.

Da die Vorgänge um den Säulen-Sturz von großer Bedeutung für Courbets Leben sind und er selbst betont, nicht nur Maler, sondern auch Mensch zu sein, kann man nach meiner Ansicht diesem Europäer durch kunsthistorische Analysen allein nicht gerecht werden.

Courbets politische Positionen lassen sich, wie Benjamin Fudral schreibt, als diffus und von Narzismus überprägt charakterisieren (Katalog S. 288). Sie sind dabei jedoch immer noch so klar und zukunftsgerichtet, dass ihre geringe seinerzeitige Wirksamkeit nur bedauert werden kann. Um diese Aussage zu untermauern, gehe ich unten kurz auf Courbets Reden vom Oktober 1870 ein.

Die Verantwortung für den Sturz der Vendôme -Säule lag nicht allein bei Courbet. Ich stelle die Hypothese in den Raum, dass Courbet ab 1871 nicht wegen einer erheblichen Sachbeschädigung verfolgt und geschmäht wurde, sondern weil sein Kampf gegen Autoritarismus, Militarismus und Nationalismen vielen Konservativen verschiedener Länder zuwider war.

Es grüßt Sie freundlich aus Essen
Wilfried Sauter

 

Courbet, der Krieg und die Säule

Nach dem Sturz der 1810 vollendeten Siegessäule auf dem Vendóme-Platz in Paris. Am 16. Mai 1871 liegt schließlich Napoleon I. am Boden – in der Pose eines römischen Imperators.

Nach dem Sturz der 1810 vollendeten Siegessäule auf dem Vendôme-Platz in Paris. Am 16. Mai 1871 liegt schließlich Napoleon I. am Boden – in der Pose eines römischen Imperators. *)

An die Adresse des Gestürzten wurde zuvor, als er noch in gut 40 Metern Höhe stand, deklamiert:
Tireur juché sur cette échasse,
Si le sang que tu fis verser,
Pouvait tenir sur cette place,
Tu le boirais sans te baisser.
Übersetzt heißt das etwa: „Scharfschütze, der du hoch oben auf diesem Stock hockst: Wenn all das Blut, das du vergießen ließest, gesammelt auf diesem Platz stehen würde, so könntest du es trinken ohne dich zu bücken.“

 

Seit sechs Wochen wird die Hauptstadt Frankreichs bereits von deutschen Truppen belagert, als Gustave Courbet am 29. Oktober 1870 in einem Pariser Theater zwei von ihm verfasste Briefe öffentlich verliest, die dann auch gedruckt werden. Einer richtet sich „An die deutsche Armee“, der andere „An die deutschen Künstler“. (In ganzer Länge deutsch wiedergegeben z. B. in: Courbet und Deutschland. Ausstellungskatalog. DuMont, Köln 1978, S. 378-380.)

An die deutschen Künstler schreibt Courbet:

Gestern habt Ihr Deutschland verteidigt und habt es gerettet; heute steht Ihr in einem Krieg, der infamer ist als die schmutzigsten Kriege des Feudalismus, und Ihr schmiedet an Ketten für Deutschland.

Damit akzeptiert er den deutschen Feldzug gegen Kaiser Napoleon III. und dessen Truppen, der für Frankreich am 19. Juli 1870 Preußen und seinen Verbündeten den Krieg erklärte und der mit der entscheidenden Schlacht von Sedan am 1. September 1870 seine Macht verloren hatte.

Als „schmutzig“ bezeichnet Courbet die deutsche Weiterführung des Kriegs gegen die am 4. September neu entstandene Republik Frankreich, die die Angliederung von Elsaß und Lothringen an das künftige Deutsche Reich zum Ziel hatte. Der deutsche Verteidigungskrieg war also nach dem Sieg über Kaiser Napoeon III. zum Eroberungskrieg geworden. Courbet warnt vor den Folgen der Eroberung für Deutschland.

Courbet setzte für die Zukunft auf Völker, die allen nationalen Chauvinismus überwinden und ein freies Leben wollen. Dann, so versichert Courbet den deutschen Künstlern,

[…] werden wir die blutenden Wunden an unserem Körper vergessen, und wir werden Euch wieder die Hand drücken, und wir werden anstoßen: auf die Vereinigten Staaten von Europa! Zum Wohl und auf die Brüderlichkeit!
Ein Einfall.
Hört zu: Übergebt uns Eure Kanonen von Krupp, und wir werden sie mit den unsrigen zusammen einschmelzen; die letzte Kanone dann, die Mündung in die Luft, die phrygische Mütze obenauf, das Ganze auf ein Postament gesetzt, das seinerseits auf drei Kanonenkugeln aufliegt, und dieses kolossale Monument, das wir gemeinsam auf der Place Vendôme errichten werden, dies sei Eure Säule, Eure und unsere, die Säule der Völker, die Säule Deutschlands und Frankreichs, die dann auf immer vereint sind.
[…]
G. Courbet
32, rue Hautefeuille

Hier erkennt man Courbets pazifistisch-internationalistische Grundanschauungen, und es wird deutlich, warum ihm das Kriegs- und Siegesmonument des Generals und Kaisers Napoleon I. ein Herrscher-Dorn im Menschen-Auge war.

*) Das Foto ist wiedergegeben nach der sehr informativen Seite: https://paris-blog.org/tag/der-sturz-der-colonne-vendome-16-mai-1871/ Zugriff 02.08.2026.

 

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